„Ab heute seid ihr die neuen Zeitzeugen“ – Sally Perel an der HBG

| 1. März 2013

Auf beeindruckende Weise hat Sally Perel (*1925), dessen Leben unter dem Titel „Hitlerjunge Salomon“ verfilmt wurde, vor ca. 160 Schülerinnen und Schülern aus dem 12. Und 13. Jahrgang und einer 9. Klasse seine unglaubliche Lebensgeschichte geschildert.

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Als Mitglied der Hitlerjugend gelang es dem jüdischen Perel den Holocaust zu überleben. Nach seiner Geburt verlebte Sally Perel eine zunächst glückliche Kindheit in Pei-ne. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich sein Leben jedoch schlagartig. Die Verabschiedung der Nürnberger Rassegesetze führte dazu, dass Sally Perel von seiner Schule verwiesen wurde. Seine Familie beschloss aufgrund der im-mer größer werdenden Repressionen, Deutschland den Rücken zu kehren und zog ins polnische Lodz. Doch auch dort waren sie vor der Verfolgung durch die National-sozialisten nicht lange sicher. Nach dem deutschen Überfall auf Polen musste die Familie Perel in das Ghetto von Lodz umziehen. Sally Perels Eltern beschlossen, dass er und sein ältester Bruder Isaak flüchten sollten. So machten sich die beiden Brüder auf den Weg Richtung Osten. Nach einer gefährlichen aber erfolgreichen Flucht fühl-ten sie sich zunächst in Sicherheit, doch auch dieser Zufluchtsort sollte nur kurze Zeit Schutz bieten. Nachdem die deutschen Truppen auch die Sowjetunion angegriffen hatten, wurde der gerade einmal sechszehnjährige Sally Perel von deutschen Trup-pen festgenommen. Seinem sicheren Tod entging er nur dadurch, dass er seine Ausweispapiere verschwinden ließ und seine Religion leugnete. Fortan begleitete er die deutsche Wehrmacht als Dolmetscher, bevor er in ein Internat der Hitlerjugend nach Braunschweig geschickt wurde.  Die Angst, dass seine Beschneidung und somit seine Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft entdeckt wird, war immer präsent.

In seinem Vortrag berichtete Sally Perel sehr ehrlich und ernst, aber auch humorvoll und lebendig über seine Jugend und seine innere Zerrissenheit, die durch die Sorge um seine Eltern und Geschwister und die bei der Hitlerjugend gespürte Begeisterung für Teile der nationalsozialistischen Idee, entstand:  “Ich habe die Hakenkreuze auf meiner Uniform verinnerlicht und wurde ein begeisterter Hitlerjunge.” Auch die Verteufelung der Juden ließ ihn nicht zweifeln. “Ich habe nie kleine Hörner auf meiner Stirn gesehen, auch wenn ich stundenlang in den Spiegel schaute.” Genau dieses Doppelleben zwischen den Idealen der Hitlerjugend, Judentum und den Sorgen um seine Angehörigen gestaltete seinen Vortrag so spannend und berührend. Zahlreiche Anekdoten vermittelten den Zuhörern einen anschaulichen Eindruck über die Zeit des Nationalsozialismus und das bewegende Schicksal Sally Perels.

Perels Worte sind so eindringlich, dass sie berühren. Er beendete seinen Vortrag mit einem Appell an die Schülerinnen und Schüler: “Ich bin einer der letzten lebenden Zeitzeugen der beispiellosen Nazi-Verbrechen. Ab heute seid ihr die neuen Zeitzeugen.”

Die heutige Generation träfe keine Schuld mehr, aber sie habe die Aufgabe, die Erinnerung an Auschwitz wachzuhalten. “Wer sagt, diese Wahrheit sei eine Lüge, ist ein Verbrecher”, betont Perel. Er warnt vor den Nazis, die heute wieder marschieren. „Die Jugend heute ist nicht verantwortlich für die Gräueltaten der Nazis, aber sie wird es sein, wenn es wieder zu solchen kommen sollte“.

Nach Sally Perels Vortrag und interessierten Fragen bildete sich eine lange Schlange von Schülerinnen und Schüler, die sich sein Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ signieren ließen und die Gelegenheit nutzten, einige Worte mit ihm zu wechseln.

[NIEM/MARZ]

Einige Kommentare von Schülerinnen und Schülern:

Luca: „Ich finde es gut, dass grade bei der Behandlung des Nationalsozialismus durch die Lesung eines Zeitzeugen Schülern die Möglichkeit eröffnet wird, eine neue Perspektive auf dieses Thema zu erfahren. Die persönlichen Erfahrungen eines Menschen, der diese Zeit durchlebt hat, sind bedeutend authentischer als teilweise kaum vorstellbare Fakten und Zahlen. Mir hat die Lesung vor Allem geholfen, die Umstände und besonders das Empfinden der Menschen von damals zu verstehen, aber auch zu begreifen, wie es überhaupt zu so einer Ideologie kommen konnte. Und das ist der für mich wichtigste Schritt, um zu verhindern, dass so etwas jemals wieder passieren kann.“

Dominik: „Ich finde es erstaunlich, dass Sally Perel mit seiner Vergangenheit so gut umgehen kann.“

Megan: „Ich persönlich habe großen Respekt vor Sally Perel. Es ist unglaublich, wie er mit seiner Vergangenheit und zwangsläufig auch mit der Vergangenheit von Deutschland umgeht. Es ist tatsächlich beeindruckend, wie er mit seiner Geschichte umgeht. Es ist ein Privileg der Zuhörer, dass sich ein Mensch so weit öffnen kann und dabei menschlich bleibt und keinen Hass empfindet. Er fesselt die Zuhörer mit seiner Vergangenheit. Ich bin sehr gerührt gewesen, habe mich im Nachhinein mit der NS-Zeit noch weiter auseinandergesetzt. Welche Ängste er gehabt haben musste, kann man nicht in Worte fassen. Und es ging ganz klar aus seinem Vortrag heraus, dass so etwas nie wieder geschehen darf, egal, wo in der Welt. Wir dürfen niemals vergessen, wie schrecklich diese Zeit war.“

Serkan: „Ich bin ein Zeitzeuge, denn ich habe Sally Perel getroffen (Sally Perels Worte).“

Kategorie: gesellschaftswissenschaftliche Fächer, Schulleben

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