HBG-Schüler Joshua Kalthoff mit ausgezeichnetem Essay

| 19. November 2018

Joshua Kalthoff aus der Jahrgangsstufe 13 gehörte in diesem Jahr zu den zehn besten Teilnehmern des Essay-Wettbewerbs des Landes NRW und der Berenkamp-Stiftung. Er durfte an einem Literatur Seminar in Marbach am Neckar teilnehmen.

Über seine Erlebnisse rund um den Essay-Wettbewerb berichtet Joshua Kalthoff:

Alles begann damit, dass wir im Deutschunterricht angesprochen wurden, ob wir Lust hätten am 14. Landesweiten Schülerwettbewerb „Deutsch Essay 2018“ teilzunehmen, welcher von der Berkenkamp-Stiftung jährlich initiiert wird. Die diesjährigen Themen der Essays waren „Fremdschämen“, „Märchen und Wirklichkeit“ wie auch ein Zitat von Gustave Flaubert. Von diesen drei sprach mich das Thema „Märchen und Wirklichkeit“ am meisten an und so fing ich an, einen Essay zu schreiben, mit dessen Resultat ich am Ende relativ zufrieden war. Als ich dann die Nachricht erhielt, ich hätte beim Wettbewerb gewonnen und würde mit zehn anderen Schülern aus NRW nach Marbach, dem Geburtsort Schillers, fahren, um an einem Literatur Seminar teilzunehmen, freute ich mich natürlich sehr, da ich nicht damit gerechnet hatte, bei 219 eingereichten Essays unter die zehn Besten zu kommen.

Ort des Wettbewerbs

Nach der Anreise am Montag dem 24.09.2018, bei welcher wir uns bereits gegenseitig kennenlernen konnten, fuhren wir nach dem Einzug in das Collegienhaus, in welchem wir für die vier Tage untergebracht wurden, zum Abendessen in ein italienisches Restaurant in der Altstadt von Marbach, wo wir zusammen mit den Beauftragten der Bezirksregierung Münster wie den Betreuern der Berkenkamp-Stiftung den Tag ausklingen ließen.
Die nächsten Tage waren gefüllt mit einem vollen und spannenden Programm, wie einer Führung durch das deutsche Literaturarchiv, dessen Eintritt eigentlich nur für Mitarbeiter gestattet ist. In den unterirdischen Gänge, die gefüllt waren mit Millionen von Büchern, lernten wir alles über die Arbeit in einem solchen Archiv und konnten sogar in den Nachlass wichtiger Autoren einen Blick werfen. Darauf folgte eine Führung durch das Schiller-Nationalmuseum, das sich auf einem kleinen Hügel der am Neckar lag, befand, wie auch einer Besichtigung des Literaturmuseums der Moderne.

Museumsbesuch


Am Nachmittag folgte dann die Preisverleihung, bei der wir vor der Jury jeder einen kleinen Ausschnitt aus unseren Essays verlesen durften.


Der nächste Tag war bestimmt vom Schreibseminar, in welchem uns die Autorin Dagmar Leupold die unterschiedlichen Wege zeigte, wie ein Essay aussehen und frei entstehen kann, dazu durften wir auch selbst frei etwas schreiben, um dann am Nachmittag mit allen über unsere Ergebnisse zu debattieren. Danach folgte ein Gang durch die pittoreske kleine Innenstadt von Marbach, welche mit ihren Fachwerkhäusern, ihrem mittelalterlichen Stadttor und kleinen Brunnen zu beeindrucken verstand und so endete diese Stadttour im kleinen Geburtshaus von Schiller.

Aber mit dem vierten Tag endete bereits die Reise, die natürlich viel zu schnell vorbeiging und es bleibt nur übrig zu sagen, dass ich sehr dankbar für dies Erfahrungen bin, die ich bei dieser Fahrt machen durfte wie ich auch froh bin über die vielen neuen Menschen, die ich mit diesem Literaturseminar kennenlernen durfte.

Daher kann ich nur empfehlen diese Chance zu nutzen die sich mit dem landesweiten Schülerwettbewerb „deutsch Essay“ bietet.

Joshua Kalthoff

Die Märchen und die Wirklichkeit

Ich stehe am geöffneten Fenster und blicke hinaus, die warme Sommerluft scheint sich mit dem goldenen Licht zu einem märchenhaften, flirrenden Etwas zu vermählen; märchenhaft…ein seltsam fremd anmutendes Wort für das 21.Jahrhundert, denke ich und sehne mich nach dem kühlenden Schatten der Wälder, doch was sehe ich wenn ich zwischen gerade gezogenen Baumreihen wandere? Sind es die zerrissenen, leise im Wind  wehenden Plastiktüten und der Autolärm von der nahen Autobahn, die mich in eine Wirklichkeit zurückholen, die wir Alltag nennen? Und wohin führt mich denn all die naive Sehnsucht, an der sich doch wohl schon  manch ein Romantiker zu Tode ergötzt hat? Ist die Zeit vorbei, in der es gilt, höhere Ideale und das Reine oder Schöne zu finden? Haben wir die Suche nach dem Paradies aufgegeben, das wir heute vergessene Kindheit nennen? Das Märchen beendet meinen Gedanken mit seinen drei Anfangsworten: ,,Es war einmal“.

 In bloß diesen Worten beantwortet das Märchen bereits Sinn und Zweck seines Seins, verweist auf seinen Charakter und lässt mit ihnen die Welt leicht klingen. Stellen diese Worte vielleicht das getroffene Zauberwort dar, welches Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht „Wünschelrute“ beschreibt? Worte, die in jedem von uns alt nostalgische Gefühle erwecken, da sie wie ein Bannspruch das Tor zu unserer Kindheit zu öffnen vermögen. Doch stößt dieses Tor seine Flügeltüren auf in eine schön verkitschte, naive Parallelwelt? Oder bietet das Märchen noch manch´ vergessenes Geheimnis, von dem vor allem unsere auf praktischen Nutzen orientierte Welt etwas lernen könnte? Die Frage nach Sehnsucht ist wohl gleichermaßen die Frage nach dem Märchen und seiner Realitätsferne; was bleibt uns von einer Märchenwelt, wenn wir die dicke staubige Ausgabe von Grimms Hausmärchen zugeklappt haben? Was bleibt außer Sehnsucht? Zuerst sollten wir allerdings mit dem Anfang beginnen…

Das Märchen erzählt uns mit ,,Es war einmal“ nicht nur eine Geschichte, die lang vergessen in sich ruht, nein sie zeigt damit die ewige Geltung ihrer selbst, etwas das von Anfang bis heute in die Gegenwart wirkt …Ähnlich wie der Anfang einer jeden Schöpfungssage. In ihnen zeigen sich ja auch nicht nur primitive vorwissenschaftliche Erklärungsmodelle, sondern tief verwurzelte Wissensschätze. Märchen sind zeitlos und dies meine ich nicht im Sinne eines vergehenden Trends, sondern im Sinne der unvergänglichen ursprünglichen Themen, von denen sie uns berichten: Liebe, Tod, Schmerz, Angst…Hoffnung. Diese Anderswelt lädt zur Flucht vor einer Realität, deren Monotonie und Banalität ermüdend auf Herz, Gemüt und Verstand wirken. Diese Einladung zur Flucht in eine Gegenwelt ist wohl die Hauptaufgabe der Kunst (Literatur),aber sie soll uns nicht nur ein Gegenmodell bieten, an dem wir genesen können, sondern durch die umgedrehten Verhältnisse, die sie im Märchen schafft ( im Beispiel der sprechenden Tiere, der Wirkungskraft von Magie und Wunsch etc..),soll es zu einer Erkenntnis in unserer Lebenswirklichkeit kommen. Das Märchen schafft es, eine zugleich einfache wie kryptisch, verschlüsselte Welt zu erschaffen, in deren Symbolen wir unsere in ihre Rein- und Idealformen extrahierte Welt erblicken können. Zauberwesen, Bösewichte und Helden werden zu bunten Masken, durch welche vor allem Kinder die eigene Welt zu sehen vermögen. Eine Welt, der eigenen Erfahrungen in klangvollen Bildern. So schafft es das Märchen, den Umgang mit persönlichen Ängsten, die wir zum Beispiel im Symbol des Wolfes oder der Hexe wiederfinden, erfahr- wie auch komunizierbar zumachen. Gefühle von Kindern werden so greif- und fassbarer, zeigt sich in der Wirklichkeitsferne des Märchens, doch eine wirkliche Nähe zum Gefühlsleben, welche wir vor allem in eben diesen Archetypen, Bildern und Symbolen begreifen und ausdrücken können und gleichzeitig eine Distanz zu eben diesen Themen erschaffen, die uns sonst vielleicht gefährlich werden könnten ( Das Märchen benutzt also in der einen Hinsicht gleiche Mechanismen und Funktionsweisen wie der Traum).

 Interessant sind in den Märchen und Erzählungen auch die großen Übereinstimmungen der unterschiedlichen Kulturen (und ihrer Märchen), die in verschiedensten Gewändern tanzend uns doch die gleiche Essenz reichen. Und an dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Frage zurückkommen, in wie weit Religionen, Legenden, Sagen und Märchen miteinander verwoben sind, um die Essenz zu ergründen, die sie uns, zu reichen scheinen. (Wer Kunst betrachtet, sollte im seltensten Falle zuerst auf den Menschen blicken, da er nicht Gott sondern Diener des Kräfteaustausches ist, den wir heute oft pauschalisiert als Kunst beschreiben). Um auf die Frage nach einer Verbindung  von Religion und Märchen eine Antwort zu finden, sollte man allerdings den gemeinsamen Nenner ausfindig machen. Etwas, das die Motivation darstellt, solche Geschichten zu spinnen und sie in mündlicher wie schriftlicher Tradition weiter zu geben, ein solcher ,, gemeinsamer Nenner“ ist wohl der Sinn für das Wunderbare, Übernatürliche, Außerweltliche, welche des Menschen ur-eigenster

Erkenntnisfrage des Menschen…

Die Fragen die den Menschen antreiben, ängstigen gar bändigen. Fragen nach Sinn und Zweck von Moral und Tugend, wie auch die Suche nach Wahrheit und Schönheit. Auf diese Fragen geben Märchen und religiöse Schriften, die ich als Atheist aus Respekt nicht in ein und denselben Topf werfe, Antworten. Sind es vielleicht die Äste des gleichen Baumes, der im Menschen entspringt? Beide arbeiten auf jeden Fall mit Symbolik, Abstraktion und wollen nur das eine: Klarheit für den Suchenden. Der trennende Aspekt besteht letztendlich aber im Wirklichkeitsanspruch … wo die religiöse Schrift das Wundervolle, Übernatürliche im Wirklichen beansprucht, beansprucht das Märchen das Wunderbare im Wunderbaren und benötigt daher keinerlei Rechtfertigung. Der Glaube an das, was im Märchen geschildert wird, stellt sich unmittelbar ein; um allein zu sehen dass in eben diesem ,, märchenhaften Raum,“ der beim Lesen entsteht , das was die jeweilige Kultur  als das Gute definiert hat,  letztendlich doch siegt. Das Märchen als warme literarische Umarmung, die uns leise zuflüsternd sagt: ,,Am Ende wird doch alles gut“.

Dieses Happy End, das im Märchen oft mit ,,Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ endet, wird in unserer oft gar so kalten Gesellschaft mit einem Naivitätsvorwurf getadelt. Die Frage nach dem Warum wird hier gar nicht erst gestellt, das Gute bleibt naiv und hat mit der Realität nichts zu tun, das Bitterböse oder schlechte Ende wird als komplexer und wirklichkeitsnäher hingenommen. Eine seltsam pessimistische Gesellschaft, die vielleicht mit dem Schmerz nicht zurecht kommt, der aus der klaffenden Lücke zwischen Fiktion und Wirklichkeit hervorgerufen wird. Wer diese Lücke sieht, sollte es als Aufruf des Märchens verstehen, hinaus zutreten und eine etwas märchenhaftere, gütigere Welt zu errichten, oder zumindest seinen kleinen Beitrag dafür zu leisten (wobei leisten das falsche Wort ist, da wir dem Leben nichts schuldig sind, es aber wohl in unserem Interesse liegen sollte). Der Leser bildet so den Ankerpunkt zwischen Märchen und Wirklichkeit, ein Weltenwandler ist der Mensch durch und durch und dies ist er nicht nur in seiner Fähigkeit, zwischen den sich entgegengesetzten Polaritäten seiner selbst (wie etwa Phantasie und Ratio) hin und her zu wechseln, er ist auch imstande Welten zu wandeln, umzuformen, neu zudenken.

Dieser feste Glaube an Liebe und einem Urvertrauen, gepaart mit dem starken Willen die Welt in eine eigenst gedachte Schönheit verwandeln zu wollen, der Mut zum Träumen und Hoffen ist wohl bei den jüngsten Rezipienten der Märchen noch am natürlichsten und ursprünglichsten vorzufinden, weshalb es nicht verwundert warum eben Kinder die Märchen zu ihrem eigen machen. Für sie ist die Phantasie noch keine trennende Instanz die das innere und das Äußere mit den Jahren immer mehr auseinander zieht. Mit diesem Wissen sollten wir vielleicht nicht auf Kinder herabblicken, sondern zu ihnen aufblicken, in ihnen einen Teil von uns erkennen und das Gleiche in den Märchen suchen…einen Teil, der für die meisten verschüttet in weiter Ferne wartet, wartet auf den Mutigen, der sich aufmacht, um zu finden, was er verlor oder gar nie erblickte…Kurze Augenblicke, die märchenhaft an uns vorüber ziehen…

-Ich schließe das Fenster, atme noch einmal die warme schwere Sommerluft, die von den wiegenden Trauerweiden langsam zu mir hinüber gleitet-

Wohin meine Reise führt weiß ich nicht, wahrscheinlich wird sie nicht immer märchenhaft, aber ich weiß, dass es gut wird.                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

Kategorie: Abt. Sek II, für Schüler, Sprachen

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